Montag, 26. Februar 2007

Die Omlettmacher am Uhrenturm

Der Uhrenturm (Clocktower) von Jodpur ist das Zentrum des Basars. Er sieht ein wenig aus wie das indische Pendant zu Big Ben. Rund um den Uhrenturm herrscht tagsueber buntes und lautes Treiben. Alles wird hier verkauft, und der Basar zieht sich weit in die engen Gassen hinein. Zwei Tore fuehren zum Platz um den Uhrenturm und an einem stehen tagein tagaus Ramkishan Gawlani auf der einen Seite des Tores und Vicky Chouhan auf der anderen. Beide betreiben das gleiche Geschaeft: sie sind Omlettmacher.
Was macht ein Omlettmacher? Na klar - Omletts, also Ruehrei mit Zutaten. Es gibt einen Grund, warum die Omletts von Ramkishan, einem aelteren Herren der, umringt von Stapeln von Eierpaletten, vor einem kleinen Ofen steht, einen grauen Nehru-Anzug traegt und sich die Haare mit Henna roetlich faerbt, Kultstatus besitzen: er wird im Allerweltsreisefuehrer "Lonely Planet" erwaehnt, was in riesigen Lettern ueber seinem Shop und (doppelt haelt besser) auch neben seinem Shop und ausserdem auch noch auf seinen Visitenkarten (in Indien haben vermutlich auch die Schuhputzer Visitenkarten) in grossen Lettern zu lesen ist. Jeder (fast jeder) Individualtourist (und die anderen auch) hat den "Lonely Planet" - und somit ist der Platz vor Ramkishans Laden, ein paar staubige Plastehocker, staendig gut besucht, die Touristen mampfen ihre Omletts mit Toast und beobachten den Meister bei der komplizierten Kunst des Omlettmachens.
Nur etwa drei Meter entfernt steht Vicky. Er ist jung, lustig und ebenfalls Omlettmacher. Sein Laden sieht fast genau so aus wie der der Konkurrenz. Doch seine staubigen Plastestuehle sind meist leer. Warum? Er steht nicht im "Lonely Planet". Lediglich ein eher unbedeutender japanischer Reisefuehrer hielt es fuer noetig, ihn zu erwaehnen. Das macht Vicky sehr traurig. Dabei schmecken seine Omletts mindestens genauso gut wie die von Ramkishan (hab ich selbst getestet).
Was sagt uns dass?

Brecht die Diktatur des "Lonely Planet"!
Entscheidet selbst, was gut ist!
Gebt Vicky eine Chance!

Sonntag, 25. Februar 2007

Geschichten aus Jodpur

Eins
Um einer Rikscha auszuweichen trete ich in einen riesigen Kuhfladen. Eine alte Frau in weissem Sari zeigt auf meinen Fuss und entbloesst lachend ihren letzten Zahn.

Zwei
Eine grosse Hochzeitsgesellschaft kommt mit viel Laerm die Strasse entlang. Sofort umringt mich eine Gruppe von Kindern die drohen, meine Kamera mit Haarspray zu bespruehen, wenn ich versuchen sollte zu fotografieren.

Drei
Ein verrueckter alter Bettler in schmutzigen weissen Sachen und Hornbrille kommt bruellend einen Bambusstock schwingend auf mich zu, aendert aber im letzten Moment die Richtung, den Kopf in den Nacken gelegt, den Stock gen Himmel gereckt, laut schreiend. Ein anderer Bettler sagt, ich solle das fotografieren.

Vier
Eine Frau mit strahlend rotem Sari sitzt im Eingang eines blaugetuenchten Hauses, laechelt und ist zufreiden mit sich und der Welt.

Fuenf
Ein Moslem auf einem Fahrrad erklaert mir ungefragt einen Weg, aber ich verstehe nicht wohin. Ich folge seinen Anweisungen und bin schliesslich da.

Freitag, 23. Februar 2007

Der See, der sich versteckte

Mount Abu liegt an einem romantischen See, dem Nakki-See, den ich bisher noch nicht gesehen habe. Deshalb machte ich mich heute Morgen auf die Suche nach ihm. Auf der Karte in meinem Reisefuehrer sah alles ganz einfach aus. Der Nakki-See ist gewissermassen um die Ecke. Ich machte mich also auf, in die Richtung, in der ich den See vermutete, an einem grossen Polofeld vorbei, vorbei an Laeden deren Besitzer mich zum Kaufen aufforderten, kam an einem Busbahnhof vorbei und war nach 10 Minuten Weges der Meinung, dass der See nun langsam kommen muesste. Kam er aber nicht. Ich fragte einen Einheimischen nach dem Weg. Er zeigte in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war.
Also ging ich zurueck, wurde fast von einem Taxi ueberfahren das in einer engen Strasse unbedingt einen Reisebus ueberholen wollte, kam an einem grossen Polofeld vorbei und war nach ein paar Minuten in einer eher laendlichen Gegend. Bald muesste der See zu sehen sein. War er aber nicht. Ich fragte einen Einheimischen nach dem Weg. Er zeigte in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war.
Ich kehrte um, der Einheimischefolgte mir und fragte mich, aus welchem Land ich komme. Das ist bei jedem Gespraech die erste Frage. Ich sagte: "Germany." Ah, Deutschland, antwortete er weise mit dem Kopf nickend auf Englisch. Ob ich denn den Adolf Hitler kenne. "Ja den kenne ich", antwortete ich verwundert. Ob ich den denn gut finden wuerde, denn der hat ja so viel fuer Deutschland getan. Ich meinte, dass Millionen von Toten und ein zerstoerter Kontinent nicht gerade toll waeren. Ja, antwortete mein Begleiter, aber er haette einen Deutschen getroffen, der sagte, dass Hitler alles fuer Deutschland getan haette. "I hate this fucking bullshit skinhead nazi stuff!" war meinen heftige Replik. Mein Begleiter blieb ruhig ob meines Ausbruchs und sagte laechelnd, das er sich freue einen Deutschen getroffen zu haben, der Hitler nicht gut findet. Das gab mir zu denken.
Ich ging also weiter auf meiner Suche nach dem Nakki-See, kam an vielen Hotels vorbei, blickte irritiert auf ein grosses Polofeld, ueberholte haendchenhaltende indische Paerchen, bog links ab und blickte eine Strasse nach unten an derem Ende bunte Kaehne in Form von Schwaenen im Wasser schaukelten. Der Nakki-See ... nur 500m von meinem Hotel entfernt.

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Ich besuchte heute auch noch zwei Tempel. Der zweite, Achalgarh, ist etas Besonderes. In seinem inneren wird keine Gottheit und kein lingam angebetet, sondern eine yoni, die bis in die Unterwelt reichen soll. Wo, wenn nicht hier, sollte man fuer guten Sex beten ...

Donnerstag, 22. Februar 2007

Reisen in Radjastan

So schoen die Staedte in Radjastan auch sind, um das Reisen von einer Stadt in die naechste kommt man nicht herum und auch wenn die Entfernungen relativ kurz scheinen - in Indien braucht man fuer alles ein wenig laenger.
Die meisten Strecken fuhr ich mit dem Bus. Das Eisenbahnnetz in Indien ist zwar lang und recht gut ausgebaut, das scheint aber nicht fuer Radjastan zu gelten. Hier faehrt man Bus! Und Busfahren kann ein Abenteuer sein, vor allem wenn man einen Local-Bus erwischt, der in jedem Kaff haelt, meistens so ueberfuellt ist, dass ein Teil der Passagiere nur noch auf dem Dach Platz findet und der fuer eine Strecke von 250 km ungefaehr 10 Stunden braucht. Meine Fahrt nach Bundi war die Hoelle. Eingezwaengt sass ich auf meinem viel zu engen Platz in der Hitze. An Lesen war nicht zu denken. Zu einen kam ich nicht an meine Tasche mit den Buechern heran und zum anderen war die Strasse so schlecht, dass ich mir vorkam wie auf der Ruettelplatte. Und wie gesagt, die Fahrt dauerte knapp 10 Stunden.
Bei meiner Fahrt von Udaipur nach Mount Abu (wo ich gerade bin) wollte ich schlauer sein und buchte einen Touristenbus in einem Reisebuero. Ich hatte Platznummer 35 und als der Bus mit einer halben Stunde Verspaetung kam stellte sich heraus, dass es nur Plaetze bis 25 gab. Ich befuerchtete schon, stehen zu muessen. Zum Glueck war der Schaffner gnaedig. Es war ein Sleeper-Bus mit Schlafplaetzen, winzig kleinen schachtelfoermigen Abteilen, die gerade so fuer eine oder fuer zwei Personen Platz haben. Nun konnte ich zwar nicht sitzen, dafuer aber liegen, was viiiiel komfortabler ist. Acht Stunden verbrachte ich lesend und gelegentlich aus dem verdreckten Fenster schauend, die Beine gemuetlich ausgestreckt.
Seit zwei Tagen bin ich jetzt in Mount Abu, einem sehr schoen gelegenen und vor allem ruhigen Bergstaedchen. Hier ist es so schoen, dass ich noch bis uebermorgen bleibe und dann, wieder mit dem Bus, nach Jodpur fahre.

Donnerstag, 15. Februar 2007

Die Herren von Taragarh

"Bundis Palast ist selbst im vollem Tageslicht ein Bauwerk, wie Menschen es sich nur in Traeumen bauen - das Werk von Elfen eher als von Menschen." Das schrieb der englische Schriftsteller Rudyard Kipling ("Das Dschungelbuch") und der muss es wissen, denn vor ueber hundert Jahren lebte er in Bundi und schrieb hier seinen Bestseller "Kim".
Ich habe mir den Palast gestern angesehen. In den letzten Jahren hat einiges zu broeckeln begonnen, aber es ist trotzdem noch ein ziemlich beeindruckendes Bauwerk. Viel interessanter erschienen mir jedoch die Mauern oberhalb des Palastes.
Dahinter verbirgt sich Fort Taragarh, die Sternenfestung. Kein Schild wiess den Weg nach oben, ein schmaler steiler Pfad wurde breiter, gepflastert mit glatten Steinen. Ein erstes Tor erschien. Wer wird hier wohnen? Elfen? Wohl kaum. Soldaten? Schon eher. Ein zweites Tor erschien - geschlossen und bewacht. Die Wachhabenden sassen in einem schmalen Durchlass im Holztor und sahen mich erwartungsvoll an. Was nun? Ich ging naeher, sah das Gelbe in den Augen der schwarzen Gesichter. Ein Fauchen, gelbe Zaehne blitzten auf - und die beiden Affen verschwanden im Inneren der Festung. Ich folgte ihnen durch das Tor und war sehr schnell umringt von einer grossen Horde. Sie sassen ueberall: auf dem Boden, auf den Mauern, auf den Treppen, auf den Vorspruengen, auf den Baeumen im Gebuesch. Graues Fell, schwarze Gesichter. Sich sonnend, fressend, sich gegenseitig lausend, sich balgend - und mich voellig ignorierend.
Die Herren (und Damen) von Taragarh waren sich selbst genug, machten mir bereitwillg Platz, liessen mich gnaedig zum Aussichtspunkt hinaufsteigen. Koenige in ihrem Reich, Maharadjas in Ruinen - in der Festung unter den Sternen.

Dienstag, 13. Februar 2007

Die Ghatts von Pushkar

Einst berief der Schoepfergott Brahma hier eine Goetterversammlung ein. Er haette sich keinen schoeneren Ort aussuchen koennen. Pushkar liegt in einer Talsenke an einem kleinen See, eher einem Teich. Seit der Versammlung ist der See heilig. Rings um ihn fuehren Treppen, sogennte Ghatts, bis ans Ufer. Ein schoener Platz zum Sitzen und Nachdenken und Schauen.
Einheimische baden im heiligen Wasser nach vorgeschriebenen Zeremonien, Brahmanen hocken am Ufer, verbrennen Raeucherstaebchen, werfen Blueten ins Wasser, murmeln "Brahma, Vishnu, Shiva, Krishna, Ganesha ..." Jemand wirft Taubenfutter auf die Stufen, ein riesiger Schwarm Tauben erhebt sich und stuerzt sich sogleich wieder hinunter aufs Futter. Dazwischen eine grosse, schwarze Kuh, die die Koerner vom Boden aufleckt. Affen sitzen auf Gelaendern, stibitzen gelegentlich Blueten von den Brahmanen - und verspeisen sie. Frauen in bunten Saris kommen vobei, laecheln. "Namasthe!"
Ich sitze auf den warmen Stufen, beobchte das Treiben und habe das Gefuehl, endlich in Indien angekommen zu sein.

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So schoen es hier auch ist, morgen geht es weiter. Ueber Ajmer fahre ich mit dem Bus in das kleine Staedchen Bundi. Meine voraussichtlich weiteren Ziele sind: Udaipur, Mount Abu, Udaipur. Am 3. Maerz will ich in Jaisalmer sein. Am 3. Maerz ist Holi!

Sonntag, 11. Februar 2007

Pushkar Puja

Pushkar liegt in der Naehe von Ajmer, ist klein und sehr heilig. Brahma war hier und sowohl Ghandi als auch Nehru haben im kleinen See, um den sich das Staedchen gruppiert, einen Teil ihrer Asche verstreuen lassen. Trotzdem baden hier die Hindus, denn das ist gut fuers Karma.
Kaum war ich aus dem Bus gestiegen, versuchte noch einen Schlepper von irgendeinem Hotel loszuwerden, da hatte ich auch schon einen Handvoll gelber Blueten in der Hand. Ich war gefangen in der unbarmherzigen Hand aller zehntausend indischen Goetter und ihr jeansangzutragender Gehilfe fuehrte mich zum See, der von vielen Treppen, genannt Ghats, gesaeumt ist, die so heilig sind, dass man die Schuhe ausziehen muss. Nur wiederwillig liess ich meine neuen Meindel auf der obersten Stufe stehen, den Rucksack liess ich auf dem Ruecken, sicher ist sicher - und eigentlich wusste ich gar nicht so genau, wie mir geschah.
Pushkar Puja nennt sich die glueckverheissende Zeremonie. Und das sah so aus. Ich sass auf der Treppe direkt am Wasser, den Rucksack auf dem Ruecken und murmelte Mantras die mir der Jeanstyp vormurmelte. Dann erzaehlte er mir was von Glueck und von Vishnu und von Shiva und von Brahma und wie sie alle heissen - und da er Englisch sprach konnte ich ihn sogar verstehen. Nach mehrfachem Murmeln warf ich die Blueten in den See. Dann kriegte ich was Buntes auf die Stirn, und dann, wer haette das gedacht, ging es ans bezahlen. Das war nur noch bedingt heilig. Aber Spenden verheisst Glueck und so spendete ich ... nun ja ... sagen wir mal: mehr als genug und schloss in die Glueckverheissung die Familie und alle meine Freunde ein. Also wenn Ihr in naechster Zeit ploetzlich unerwartet von Glueck ueberwaeltigt werdet: Ich wars!